KG: Morgenritual

[CN/TW: Geburt, Blut]

Sie warf einen Blick auf ihr Handy.
7:06
7:07
Es war höchste Eisenbahn. Gleich würde der dritte und letzte Wecker klingeln, den sie sich gestellt hatte.
7:08
Wenn sie dann immer noch nicht aufstand würde sie vermutlich ein- und ihren Alltag verschlafen.
7:09
Sie drehte sich auf den Bauch und nahm all ihre letzte Kraft zusammen um den Wecker, der für 7:10 gestellt war, auszustellen. Genau bevor er geklingelt hätte.
Das befriedigende Gefühl, aus eigener Kraft ein weiteres, störendes Weckerklingeln zu verhindern, gab ihr neuen Mut. Sie fasste sich. Sie stand auf.

Nach einer kurzen Desorientierung schaffte ihr Körper es, das Steuer zu ergreifen.
Rechts drehen.
Drei Schritte geradeaus.
Links drehen.
Zwei Schritte geradeaus.
Tür hinter sich schließen.
Ein Schritt geradeaus.
In Duschkabine stellen.
Kein Schritt geradeaus.
Vorhang zuziehen.

Und nun?
Es war Zeit.
Sie drehte.

Die Wärme kam warm und langsam über sie rüber und umschloss sie schließlich ganz.
Sie fühlte sich wie neu geboren.
Nein. Das war falsch. Ganz falsch. Sie fühlte sich viel mehr…
Sie fühlte sich wie neu ungeboren.

Ihre metallische Leihmutter hatte ihren Muttermund geöffnet und sie wieder in ihre Gebärmutter eingesogen. Erst den Kopf, langsam den Rest des Körpers, bis sie schließlich vollkommen im warmen Nass verschlungen war.
Es war angenehm. Anders als alles andere was sie an diesem Tag erleben dürfen würde.
Die Wärmeenergie ihrer Mutter, nährte sie und hielt sie am Leben. Jene, die über die silberne Nabelschnur ihren Weg zu ihr fand.

Es verging eine Ewigkeit.

Dann, auf einmal, wurde sie verjagt. Ihre Mutter fing an zu pressen.
Immer stärker. Immer vorwurfsvoller. Als ob ihr von ihrer Mutter zugeschrien werden würde: "Raus mit dir! Länger behalt ich dich nicht!". Sie trotzte noch etwas, nur aus Prinzip, aber gab sich schließlich der Forderung. Es brachte ja doch nichts.
Sie drehte.

Es kam keine Energie mehr nach. Sie wurde langsam rausgeschoben.
Das Handtuch nahm sie an der Hand zurück in ihre gewohnte Welt. Erst der Kopf. Dann schnell der Rest ihres Körpers.
Sie trennte die Nabelschnur.

Und da war sie.
Sie fühlte sich wie neu geboren.

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