Flucht

Ich liege in meinem Bett, schaue eine Folge von Doctor Who. Ich bin inmitten der Story und plötzlich stoppt das Bild. Ich habe es pausiert und stehe auf, gehe aus meinem Zimmer. Als ich mich gerade bei mir beschweren will, ziehe ich meine Kopfhörer aus der Tasche und lasse mich von sprechenden Menschen beschallen.
Ich öffne die Wohnungstür, gehe langsam nach unten, raus aus dem Haus. Die Welt ist dunkel vor mir. Sie zieht mich in sich rein. Ich trotte gemächlich zur Straße. Ich denke darüber nach wie ich gehe, langweilig, die Arme am Körper, Kopf schräg nach unten. Ich will nicht mehr, ich schaue, springe, nach vorne, meine Arme bewegen sich hin und her ich fühle mich wohl, machen zu können was ich will.
Zwei Menschen am Straßenrand.
Ich erstarre.
Ich falle in meinen vorigen Gang zurück, traue mich nicht zurückzuschauen, schäme mich. Wieso? Wieso schäme ich mich? Ich kann keine Antwort finden und gehe doch eingeengt weiter.
Ich komme zu einer leeren Straße, gehe sie entlang, höre den Stimmen in meinem Kopf, projiziert durch meine Kopfhörer, zu und verliere mich.
Während ich zuhöre gehe ich zielstrebig weiter in Richtung See. Wieso der See? Wieso nicht? Die Welt ruht um mich herum. Als ich den See erreiche setze ich mich auf eine Bank, schaue nach oben, ein klarer Sternenhimmel. Ich vergesse das meine Kopfhörer noch immer mit mir sprechen und schaue in das Weltall.
Sehnsucht.
Die Sterne kümmert nichts.
Drei kleine Sterne bewegen sich schnell über mir hinweg. Die ISS, bei ihrer Weltumrundung. Ich schwebe zur ISS hinauf und schaue auf die Erde herab. Ich kann mich nicht erkennen, doch ich weiß dass zwischen all dem strahlenden Licht ein Junge auf einer Bank an einem See sitzt. Er scheint alleine zu sein und doch ist er umringt von Leben. Ich verharre einen Augenblick, rieche die strahlende Erde unter mir.
Wieder auf der Bank, in den Himmel blickend ist plötzlich, für den Bruchteil einer Sekunde, ein Lichtstreifen. Eine Sternschnuppe.
Mir läuft eine Träne von der Wange.
Weißes Gas strömt durch den Nachthimmel, die Wolken schieben sich vor meine Augen wie ein lächelnder Vorhang.
Irgendwann stehe ich auf, trete an zum Rückweg.
Auf der einsamen Straße, links Kleingärten, rechts der Friedhof, gehe ich schweigend meinen Weg entlang.
Ein Donnern reißt mich aus meiner Bahn und ich nehme einen Kopfhörer raus und schaue gen Himmel.
War das ein Flugzeug? Oder ein Gewitter?
Als ich meinen Kopfhörer wieder in mein Ohr stecken will finde ich die Töne grässlich laut, unerträglich, ich kann das Gerede nicht nachvollziehen, ich reiße die Kopfhörer aus den Ohren.
Die Welt schreit.
Ich höre Hühner gackern aus Richtung der Gärten. Die Bäume rauschen ohrenbetäubend und jeder Schritt den ich mache wird zu einem Donnerschlag.
Jeder Schritt den ich mache formt die Welt zu meinen Füßen in eine andere, vorher nie dagewesene.
Menschen hinter mir.
Ich sehe Licht scheinen und höre Stimmen, ein Kichern, fühle mich ertappt.
Menschen vor mir. Ich sehe ihre Silhouetten auf mich zukommen. Ein Hund ist dabei. Eine Taschenlampe blendet mich.
All ihre Geräusche übertosen die Schreie der Welt, ich gehe schneller, schaue auf den Boden, schreite an ihnen vorbei.
Ich stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und versuche mich zu verstecken und tatsächlich sind keine Menschen mehr da.
Doch ich halte es nicht lange aus, nehme die Kopfhörer weg und da waren sie.
Plötzlich wieder Menschen vor mir, hinter mir, neben mir, ich beeile mich.
Ich gehe an Autos vorbei, sie werfen mir leere Blicke zu. Metallische Sklaven, deren Mimik auf Papier entworfen wurde. Ein kleiner Hund und sein alter Mensch kommen an mir vorbei, ich schaue ihm in die leisen Augen und er blickt zurück als würde er verstehen.
Dann, nach einer Ewigkeit, bleiben meine Füße stehen. Ich schaue auf den Boden, nach vorne, ich stehe vor meiner Haustür. Während ich stehe stört kein Donnern mehr die Stimmen der Erde, die mich umgeben. Ich lausche für eine Minute, schließe auf.
Mein Körper transportiert mich zur Wohnungstür, ich trete ein.
Es ist still.

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